Tag: literature

  • Ein Pyjama für

    This text has a history. A vacation home in Upper Austria in the ’90s and me, a young girl in elementary school. At the end of the street, right by the forest. Childhood memories. And just like the melody of that memory, this text, too, has its own melody.

    Nur leises Licht kommt da drüben, da drüben über den Hügel. Der Hügel wohnt zwischen den zwei Höfen. Hier das Haus aus dunkelgrauem Stein und weißer Farbe.

    Der Hügel, auf dem im Frühling Butterblumen schüchtern stängeln, der, auf dem einmal der schwarze Hase freigebuddelt saß. Die Nachbarin »Hob i di!« fing ihn zurück.

    Der Hügel, der noch in mir und lange nicht mehr sichtbar ist. Ich schau auf ihn, wenn ich aus der Küche blicke. Blickte – die Küche ist vielleicht noch da, ich nicht. Viele Jahre sind vergangen. Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, wir sind hier am Vierkanthof. Mühlviertel, das ist oben. Alles im Haus und rundherum ist anfangs noch, wie es vorher war. Alles wurde schnell verkauft, musste werden. Mit Handschellen oder ohne. In der Zelle ist Geld mehr als ein Haus. Den Vorbesitzer sah ich je? Das Fass steht noch da, die Geräte. Besonders der Rechen.

    Im weißen Passat kommen wir an. Haus am Ende der Straße. Wochenende, Ferien. Im Winter Rodelhügel, wir lenken gegen den einzigen Mast.

    Füllen Räume mit schönen Dingen, die Wahrheit, die dort vorher war, bleibt bei jenen, die sie lebten.

    Ein Holztisch, eine Holzküche, ein Holzofen. Holzhacken dort, wo vor uns ein richtiger Stall, jetzt nur noch Heu. Grünweiße Teller voller Kinderkrümel.

    Das ganze Haus für uns, brauner Stein auf Boden, daneben zweierlei – die Hexenküche. Fledermausflügel und Gallenblut. In Bücher schreiben wir darüber mit Filzstift unsere Hexensprüche. Sammeln Gräser, Kräuter, Wut in großen Gläsern. Hex, hex. Haben Zöpfe, Bänder, Besen, Stöcke für den Kampf.

    Meine Knienarbe, breit und nicht so lange, links. Absturz auf den Wackelsteinen. Mit dem Finger über ihr schmecke ich den Morgentau, schwarzen Tee und Schokolade.

    Holzstockbetten mit bunten Kinderdecken, die Rutschsocken ziehen wir besser aus. Der schwarzweiße Kater schnurrt auf kindlichen Füßen. Weicher Kater, der nie frei sein wollte.

    Vor dem Haus, links vor der Ecke, steht ein Apfelbaum mit kleinen Äpfeln, darin sitzt die Omama. Daneben knarrt der Birnenbaum.

    Hinter dem Schuppen gehe ich auf allen vieren den Katzen nach. Erkenntnisse dazu gibt es keine.

    Frühstück auf der Holzbank, die Sonne stark. Marmelade, Tee, Schwarzbrot in dicken Scheiben in dicken Socken, Butter, Radieschen. Wespen in der Punkt-Idylle. Jede Idylle punktuell.

    Hellgraue Steine für kleine schnelle Schritte, dazwischen freies Gras. Spielen wir Fußball, das Tor ist das Tor. Der Ball ist der Ball. Er ist rosa und zu weich. Holztreppe hinauf zum Sonnenplatz.

    Wiener Freunde kommen an, juhu, wir sind alle hier. Auch der Platz. Ihr Auto rollt mit Hörkassette, Kuscheldecke, Trinkkakao. Frisch belegten Semmeln.

    So nehmen wir die Kamera, eingelegt ein frischer Film. Erfinden eine Foto-Story. Zwei Mädchen finden den Schlüssel, die Mutter geknebelt, die andere und der eine Vater lachen hämisch, vergifteter Zucker im Heißgetränk. Mit bunten Stiften auf hellem Holztisch schreiben wir Geschichten.

    Für ein Kind ist es so oder so, jedenfalls: es ist. Jetzt, so viel später, ist und ist nicht ganz zur selben Zeit. Nur der Baum, der seine Wurzeln in die noch kühle Erde streckt und dann ein neues Blatt probiert, weiß um die Wahrheit noch Bescheid. Vieles geht vorbei. Verlorene Sinne, Wackelsteine abgetragen. Verlorener Hügel, den niemand mehr kennt.

    Ich erinnere mich, die Orte weiterhin in mir: Der Teich im Sommer, durch den Wald, in den Wald, um den Teich. Wasserläufer sagen uns, wie es sein könnte und nicht ist. Das Wasser dunkel und kühl. Ja, auch tief und still. Die Wellen des Meeres auf der anderen Seite des Universums. Die Füße des Wasserläufers schlagen die höchsten Wellen. Der Badeanzug tropft, alles ist im Schatten. Weiße Steine sitzen zwischen den Zehen, warten, wissen aber nicht worauf.

    Der Fernseher schwarzweiß, wie das Haus, wie der Kater. Rundfunkfernsehen eins und zwei. Nöstlinger Christine sitzt mit uns auf der dunkelbraunen Bank vor dem Haus. Franz und das Austauschkind auf ihrem Schoß.

    Die Straße endet hier. Wir gehen zu Fuß. Am Sommertag gehe ich alleine, rechts gerade aus, das Gras ist hoch. Ein Schlag, ein Schlag vom Zaun, schnell die Hand auf Holz. Die Wespenspinne lachend darunter schreckt mich noch viel mehr.

    Der Hund der Nachbarin ist eine schwarze Flocke. Jetzt bellt er heiser. Ein Rehkitz wohnt im Haus, tap tap, es rutscht auf dunkelbraun geöltem Boden. Trinkt aus der Flasche, wird groß, ein Bub, schmeckt den Hügel und zieht aus.

    Farbfernsehen. Mit dem Fahrrad fahren wir später. Die Nachbarskatze still, die rosa Zunge ausgestreckt.

    Buntstiftzeichnung, Spielkonsole und selbst bespielte Hörkassetten bei Sonne und Wolken. Ein Vogel sieht den Hasen nicht.

    Sechs Jahre, bis wir gingen. Wir gehen, doch es wird nicht besser. Wir hätten bleiben sollen, Wege finden müssen, Teichwege im dunklen Wald, im Moor. Der Abdruck bleibt, sonst nichts.

    Ich laufe auf den Dachboden und schlage ein Rad, bin im Pyjama – noch.

  • Familienfahrt goes Podcast

    My dear colleague and friend Anita Klinglmair published the first episode of her new podcast “Texte on Air”, reading my short story.

  • Punkt

    Today I’m posting my three-line poem in German.

    ein klitzekleiner Punkt in mir
    rot und gelb und hier
    verspricht Hoffnung ohne Grund

    Photo by Yolanita . on Pexels.com

  • Der Lebkuchenmann

    The assignment was a short story for the Vienna Poetry School titled “Christmas with Stephen King”

    Als junger Mann lebte ich mit meinem Hund Billy in Ellsworth, einer Kleinstadt in Maine. Ellsworth war ein Ort wie jeder andere, einer, an dem man bei der Durchfahrt nur anhielt, um im Supermarkt oder Einkaufszentrum etwas zu besorgen. Aber es war in Ordnung so, ich hatte ein angenehmes Leben. Ich fuhr einen alten Buick, mit dem ich einmal pro Woche meine Schwester und ihre Familie besuchte, arbeitete in einer Druckerei und vertrieb mir die Zeit mit dem Lösen von Kreuzworträtseln.

    In den Winterferien 1987 hatte ich Charlotte, meiner Schwester, versprochen, mit ihrem Sohn Danny zum Vergnügungspark Palace Playland an der New England Coast zu fahren. Es machte mir nichts aus. Danny war ein ruhiger, netter Junge. Er sprach seit Wochen von Joyland, wie er den Vergnügungspark nannte, und zeigte uns den Werbeprospekt. Diesen zierte ein grässlicher Clown mit blutunterlaufenen, wässrigen Augen und offenem Maul mit roter Zunge.

    Danny und ich fuhren am zweiten Tag der Schulferien ins Palace Playland. Der Junge trug eine alberne Kappe mit einem Propeller, den er ständig drehte. „Verdammt schwer, noch einen guten Parkplatz zu finden“, sagte ich. Danny hörte nicht zu, er starrte auf einen Punkt vor sich und rutschte aufgeregt auf dem Autositz hin und her.

    Wir besuchten die zu dieser Jahreszeit, wie wahrscheinlich zu jeder, überlaufenen Fahrgeschäfte, aßen Hotdogs, klebrige Zuckerwatte und stellten uns beim Spiegelkabinett an. Als ich die Karten kaufen wollte, gingen immer mehr Menschen in Richtung des Zirkuszelts in der hinteren Ecke des Vergnügungsparks. „Komm, komm schnell, Onkel Henry!“ rief Danny. Bevor ich etwas erwidern konnte, verschwand er in der Menge. Ich folgte ihm, die rosa Karten noch in der Hand. Aber ich konnte Danny nicht sehen. Allein der Gedanke, ihm nachzulaufen, erschöpfte mich.

    Ich schritt auf das rote Zelt zu, suchte einen Weg durch die Menge und da sah ich ihn. Danny, der gebannt einen Mann anstarrte. War es ein Mann? Die Figur in der Mitte des Zelts war irgendwie anders. Es war ein Lebkuchenmann. Allerdings sah es nicht nach einem Lebkuchenkostüm aus, sondern als wäre seine Haut, als wäre er im Ganzen, aus Lebkuchen. Die Kinder und Eltern jubelten und schrien. Da warf ein rotbäckiges Mädchen zwanzig Dollar in die Holzkiste vor ihm. Der weihnachtlich dekorierte Lebkuchenmann drehte den Kopf, hob seinen Arm und biss ein Stück davon ab. Er verzog das Lebkuchengesicht zu einem stummen Schrei, der aus einer weißen Zuckerkringel bestand und ein O bildete. Was ging hier vor? Ich wollte Danny wegbringen, doch der Junge fixierte den Lebkuchenmann weiterhin. Das Schild zeigte nun „30 Dollar einwerfen“ und ein junger Mann mit Regenstiefeln warf sie ein. Der Lebkuchenmann biss sich ein Stück aus dem linken Arm, woraufhin der Unterarm nur noch lose baumelte, und machte wieder sein Zuckerkringelgesicht.

    Danny blickte den Lebkuchenmann mit einem mitleidigen Ausdruck an. „Sir! Sir, bitte hören Sie auf!“, rief er mit piepsiger Stimme. Dann sah er zu mir. „Wir haben Geld, hier bitte“. Er drehte seine bunte Propellerkappe um, warf Münzen hinein und kam zu mir. Widerwillig – das schöne Weihnachtsgeld der Druckerei, all die Kekse und die Flasche Whiskey, die ich schon vor mir sah – gab ich dem Jungen die Scheine, die ich bei mir hatte. Danny lief zum bunt verzierten Lebkuchenmann, nahm ihn an dem Arm, von dem weniger abgebissen war (auch wenn das schwer zu entscheiden war) und zog ihn hinaus aus der Menge in die Kälte. Der Lebkuchenmann blieb stumm, umklammerte die Kappe mit seinen braunen Lebkuchenhänden, die wie Fäustlinge waren, und ging dann langsam hinkend davon.

    Keuchend kam ich hinaus zu Danny. „Meine Güte!“ Danny sah mich nachdenklich an. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Ganz alleine“, sagte er schließlich.

    Ich musterte das Kind, das vor mir stand, mit seinen bunten Knöpfen auf der Jacke und den hellbraunen Haaren, noch warm und plattgedrückt von der Kappe. „Sprichst du vom Lebkuchenmann?“ Doch der Junge zuckte mit den Schultern und sah mich nicht an. „Deiner Mutter erzählen wir jedenfalls fürs Erste nichts von der Angelegenheit. Das kannst du doch für dich behalten, ja, Danny?“ Danny nickte geistesabwesend und schien mit kleinen, zusammengekniffenen Augen den Lebkuchenmann zu suchen. „Onkel Henry, ich möchte jetzt beim Lebkuchenmann sein.“ „Du hast ihm geholfen, ihm vielleicht das Leben gerettet. Falls ein Lebkuchen ein Leben hat. Aber wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.“ Danny blickte zu Boden und streckte die blasse Unterlippe hervor. Wie in einer Art unförmigem Tanz, bei dem ich führte, schob ich den Jungen zum Ausgang. Er leistete keinen Widerstand, tanzte auf seine Art mit kleinen Schritten mit, drehte den Hals aber auf unnatürliche Weise, um die Gegend, in der er den hinkenden Lebkuchenmann vermutete, keine Sekunde aus den Augen zu lassen.

    Im Auto schwieg Danny und es sollte mir recht sein. Ich war ermüdet von der langen Fahrt, den Hochschaubahnen und dem grässlichen Vorfall im Zirkuszelt. All diese schreienden Menschen. Das erschrockene Zuckerkringelgesicht des Lebkuchenmannes ging mir nicht mehr aus dem Kopf und Danny schien es genauso zu gehen. Ich konnte es nicht erwarten, in Ellsworth anzukommen, wo Billy bereits auf mich warten würde.

    Nachts hatte ich unruhige Träume und gegen drei Uhr schrillte das Telefon. „Henry, Henry, komm bitte zu uns.“ Es war Charlotte. Bei meiner Schwester angekommen, ging ich mit dem Hund die etwas morschen und vom Regen ergrauten Treppen ihrer Veranda hoch und läutete an. Niemand öffnete mir. Ich klopfte, woraufhin Billy wie wild bellte, doch weiterhin kam niemand. „Charly!“ Mit einem unguten Gefühl ging ich zur Hintertür, griff zum Ersatzschlüssel unter dem dürren Rosenstock und öffnete sie. Billy winselte, als wir das Haus betraten. Überall roch es nach Lebkuchen, Honig und Weihnachtsbäckerei. Charlotte saß mit weit aufgerissenen Augen auf ihrem Bett. „Sieh selbst“, sagte sie und deutete zur Küche. Langsam trat ich ein. Vor mir stand Danny in seinem Nachtgewand, verschwitzt und schmutzig. Auf jeder freien Ablage, auf dem Küchentisch bis hin zu allen Stühlen waren riesige Lebkuchenstücke verteilt. Sie waren kindlich mit bunter Lebensmittelfarbe und Backstreuseln verziert. Auf der Herdplatte lag ein Mädchenkopf aus Lebkuchen, der mich anlächelte. Die Füße, die sich noch auf dem kleinen Tischchen befanden, stampften leicht auf. Angsterfüllt blicke ich zum Backofen. Welcher Teil sich wohl darin befand? Da schoss plötzlich Billy ins Zimmer und biss in ein Lebkuchenbein. „Nein Billy! Nein! Böser Junge!“, rief ich, während Danny den Mund zu einem stummen Schrei aufriss. Mit dem Bein im Maul lief Billy wie ein Blitz durch die Wohnung. Erst nachdem der Hund ein großes Stück verschluckt hatte, konnte ich den Rest des Lebkuchenschenkels retten. Den zuckenden Teig in der Hand fragte ich Danny, was zum Henker hier los war. Ich wollte die Antwort nicht wirklich hören.

    Danny leckte sich einen Tropfen Honig von der Hand und flüsterte: „Ich backe mir eine Schwester.“ Entgeistert sah ich das Kind an. Da betrat Charlotte den Raum und sagte mit rotem Gesicht, mehr zu sich selbst als zu mir: „Ich habe dir nie die ganze Wahrheit über Dannys Vater gesagt, Henry.“ Dann blickte sie liebevoll ihren Sohn an. „Danny kommt zum Glück nach mir.“ Mein Neffe griff mit seinen klebrigen Fingern nach meiner Hand und sagte leise, damit der Hund es nicht hörte: „Meine Schwester ist in fünfzehn Minuten fertig. Aber Billy muss diese Weihnachten wohl zu Hause bleiben.“