Tag: story

  • Schwung

    Last Saturday, I met a colleague from last autumn’s writing class for an overpriced iced frappé in the café of a beautiful bookshop on Mariahilfer Straße in Vienna. We talked, astonished about some similarities and familiar challenges despite our different ages and lives, a writers’ daily thoughts and worries–maybe. The Twins, my friends on the Greek island Ios, used to say: No money, no honey, no Bugs Bunny. We have Bad Bunny now.
    As we watched the busy shoppers walking by, I looked up at the trees. It’s something, I have only learned recently: to look up. Not to watch out for the enemies, like the small birds, but to feel uplifted. It wakes us up too, with a rush of energy—a mentalist on TV recently explained. I contemplated the beautiful trees that were offering their shade on this hot day in May, and wrote this short text:

    Bed in an Onsen, a Japanese guesthouse, private photography

    Da saß sie, barfuß, in ärmelloser Bluse und kurzer Hose.
    Der warme Wind griff unter die weichen Äste der Robinien und gab dem Schatten Schwung. Sanft hin und her.
    Die Sonnenstrahlen fühlten sich warm, noch nicht heiß an.
    Sie dachte daran, wie sie ausgestreckt, alle viere von sich gestreckt, am Morgen nach dem Aufwachen in einem großen Bett mit weißer, duftender Decke lag. Spürte. Fühlte. Ein Körper. Ein Ge-Fühl wie jenes kleiner Kinder, das dann, entfremdet von sich, entfremdet von dem Bein, dem Unterarm, der Haut der Hände, jahrelang, jahrzehntelang verloren geht, sich versteckt, versteckt in der Seele wartet.
    Ihre Zehen fühlten sich kühl an. Sie hob den rechten Fuß und legte ihn unter die linke warme Kniebeuge, die Finger des Fußes, wie sie sie anderswo nannten, auf die Innenseite des Beins gedrückt. Warm und kühl. Sie dachte an die Drehung, den Sprung, spürte sich und das Leben fließen, im Tanz, im Kampf.

  • Familienfahrt goes Podcast

    My dear colleague and friend Anita Klinglmair published the first episode of her new podcast “Texte on Air”, reading my short story.

  • Aus-Druck

    Photo by Ali Ahmad DANESH on Pexels.com

    A few weeks ago, there was a call for submissions on the topic of work. In these two poems, I write about the downsides of teaching and office work. Society currently places a very high value on work, and I am no exception. However, I believe it is important to reflect on the potential for fulfillment that work can bring.

    Aus-Druck

    Schere, Tasche mit Stein, Papier
    Whiteboard-Tafel

    anwesend, anwesend,
    wesentlich abwesend

    Blicke suchen Wegblicke

    Guten Morgen

    Ja und nein, richtig
    heute
    fast, so dann
    nicht ganz

    kurz noch

    Licht an, Licht aus
    Bildschirm frieren
    ein, aus, auf, zu

    Teile aus, sammle ein
    sammle aus, teile ein

    Bus, Bahn, Fuß
    alles
    morgen
    später
    besser gleich

    morgen
    hören wir
    sprechen
    lesen langsam

    bis?
    bis ihr es könnt
    bis ihr alles könnt

    und die da vorne
    nicht mehr kann


    Eingelinkt

    Bitte, da, wir haben
    außerdem
    ja sowieso

    gleich posten wir
    Hashtag
    Foto
    gleich
    like like like

    verkaufen
    jedem
    gleich

    offen und divers

    alle tippen
    tipp tipp tipp

    keiner spricht
    im Meeting schon
    Screenshot – es war groß-
    artig sind wir alle

    gleich posten wir
    Hashtag
    Foto
    gleich
    like like like

    keiner geht
    online schon

    viel Licht
    aber keine Sonne



  • Il romanzo

    Photo by cottonbro studio on Pexels.com

    I’ve been taking part in the local Italian Cultural Institute’s creative writing workshop since last autumn, and this is one of my pieces. Or rather a thought.


    Beatrice si volta e guarda Andrea che guarda lo schermo bianco del telefonino. «Tesoro, mi ero dimenticata di chiedertelo: Ma hai letto il libro, che ti ho lasciato sulla scrivania?»
    Andrea alza la testa per un secondo, mette un piede fuori la coperta e chiede: «Ma quale libro?»
    «Vuol dire che no. La solitudine dei numeri primi.»
    «… Questa roba è vecchia.»
    «Sì, ma non l’avevo mai letto. E neanche tu.»
    Andrea rimette il piede sotto la coperta.
    «Sai, sarebbe bello parlare di libri, davvero. Vorrei sapere cosa ne pensi.»
    Andrea mette giù il telefonino, con lo schermo rivolto verso il basso. «Non è un buon segno,» pensa Beatrice.
    Il suo compagno le prende la mano fredda. «Ma se è i così importante per te, perché non mi racconti la trama? Oppure guardiamo il film.»
    «Non è la stessa cosa. Il film interpreta. Trova soluzioni dove non ci sono. Vorrei conoscere la tua interpretazione e confrontarla con la mia. Sai, ancora non ho deciso se il libro mi piace, perché…»
    «Perché?»
    «Perché i personaggi, Alice e Mattia, non evolvono realmente. Una storia può fermarsi?
    «Interessante. Si?»
    «Eh? Comunque poi mi chiedevo: le persone profondamente infelici e autodistruttive ci riescono a vivere senza aiuto? E soprattutto, come fanno a vivere una bella relazione?»
    «Ma forse no. Ma non tutti sono felici, cara.»
    «Ma non è questo il punto. Questa insincerità con sé stessi e l’incapacità di comunicare… Come si può vivere così?»
    «Dai, che pensieri. Che pesante che sei! Vieni qui». Andrea abbraccia Beatrice. Vorrebbe toccarla anche in altre parti del corpo, ma sa che in questo momento lei vuole solo parlare.
    Beatrice guarda il tetto. Non parlano più.
    Pochi minuti dopo Andrea si addormenta.
    Il cellulare squilla. Beatrice allunga il braccio, gira l’iPhone e legge: Nuovo messaggio da Alice.

  • Der Lebkuchenmann

    The assignment was a short story for the Vienna Poetry School titled “Christmas with Stephen King”

    Als junger Mann lebte ich mit meinem Hund Billy in Ellsworth, einer Kleinstadt in Maine. Ellsworth war ein Ort wie jeder andere, einer, an dem man bei der Durchfahrt nur anhielt, um im Supermarkt oder Einkaufszentrum etwas zu besorgen. Aber es war in Ordnung so, ich hatte ein angenehmes Leben. Ich fuhr einen alten Buick, mit dem ich einmal pro Woche meine Schwester und ihre Familie besuchte, arbeitete in einer Druckerei und vertrieb mir die Zeit mit dem Lösen von Kreuzworträtseln.

    In den Winterferien 1987 hatte ich Charlotte, meiner Schwester, versprochen, mit ihrem Sohn Danny zum Vergnügungspark Palace Playland an der New England Coast zu fahren. Es machte mir nichts aus. Danny war ein ruhiger, netter Junge. Er sprach seit Wochen von Joyland, wie er den Vergnügungspark nannte, und zeigte uns den Werbeprospekt. Diesen zierte ein grässlicher Clown mit blutunterlaufenen, wässrigen Augen und offenem Maul mit roter Zunge.

    Danny und ich fuhren am zweiten Tag der Schulferien ins Palace Playland. Der Junge trug eine alberne Kappe mit einem Propeller, den er ständig drehte. „Verdammt schwer, noch einen guten Parkplatz zu finden“, sagte ich. Danny hörte nicht zu, er starrte auf einen Punkt vor sich und rutschte aufgeregt auf dem Autositz hin und her.

    Wir besuchten die zu dieser Jahreszeit, wie wahrscheinlich zu jeder, überlaufenen Fahrgeschäfte, aßen Hotdogs, klebrige Zuckerwatte und stellten uns beim Spiegelkabinett an. Als ich die Karten kaufen wollte, gingen immer mehr Menschen in Richtung des Zirkuszelts in der hinteren Ecke des Vergnügungsparks. „Komm, komm schnell, Onkel Henry!“ rief Danny. Bevor ich etwas erwidern konnte, verschwand er in der Menge. Ich folgte ihm, die rosa Karten noch in der Hand. Aber ich konnte Danny nicht sehen. Allein der Gedanke, ihm nachzulaufen, erschöpfte mich.

    Ich schritt auf das rote Zelt zu, suchte einen Weg durch die Menge und da sah ich ihn. Danny, der gebannt einen Mann anstarrte. War es ein Mann? Die Figur in der Mitte des Zelts war irgendwie anders. Es war ein Lebkuchenmann. Allerdings sah es nicht nach einem Lebkuchenkostüm aus, sondern als wäre seine Haut, als wäre er im Ganzen, aus Lebkuchen. Die Kinder und Eltern jubelten und schrien. Da warf ein rotbäckiges Mädchen zwanzig Dollar in die Holzkiste vor ihm. Der weihnachtlich dekorierte Lebkuchenmann drehte den Kopf, hob seinen Arm und biss ein Stück davon ab. Er verzog das Lebkuchengesicht zu einem stummen Schrei, der aus einer weißen Zuckerkringel bestand und ein O bildete. Was ging hier vor? Ich wollte Danny wegbringen, doch der Junge fixierte den Lebkuchenmann weiterhin. Das Schild zeigte nun „30 Dollar einwerfen“ und ein junger Mann mit Regenstiefeln warf sie ein. Der Lebkuchenmann biss sich ein Stück aus dem linken Arm, woraufhin der Unterarm nur noch lose baumelte, und machte wieder sein Zuckerkringelgesicht.

    Danny blickte den Lebkuchenmann mit einem mitleidigen Ausdruck an. „Sir! Sir, bitte hören Sie auf!“, rief er mit piepsiger Stimme. Dann sah er zu mir. „Wir haben Geld, hier bitte“. Er drehte seine bunte Propellerkappe um, warf Münzen hinein und kam zu mir. Widerwillig – das schöne Weihnachtsgeld der Druckerei, all die Kekse und die Flasche Whiskey, die ich schon vor mir sah – gab ich dem Jungen die Scheine, die ich bei mir hatte. Danny lief zum bunt verzierten Lebkuchenmann, nahm ihn an dem Arm, von dem weniger abgebissen war (auch wenn das schwer zu entscheiden war) und zog ihn hinaus aus der Menge in die Kälte. Der Lebkuchenmann blieb stumm, umklammerte die Kappe mit seinen braunen Lebkuchenhänden, die wie Fäustlinge waren, und ging dann langsam hinkend davon.

    Keuchend kam ich hinaus zu Danny. „Meine Güte!“ Danny sah mich nachdenklich an. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Ganz alleine“, sagte er schließlich.

    Ich musterte das Kind, das vor mir stand, mit seinen bunten Knöpfen auf der Jacke und den hellbraunen Haaren, noch warm und plattgedrückt von der Kappe. „Sprichst du vom Lebkuchenmann?“ Doch der Junge zuckte mit den Schultern und sah mich nicht an. „Deiner Mutter erzählen wir jedenfalls fürs Erste nichts von der Angelegenheit. Das kannst du doch für dich behalten, ja, Danny?“ Danny nickte geistesabwesend und schien mit kleinen, zusammengekniffenen Augen den Lebkuchenmann zu suchen. „Onkel Henry, ich möchte jetzt beim Lebkuchenmann sein.“ „Du hast ihm geholfen, ihm vielleicht das Leben gerettet. Falls ein Lebkuchen ein Leben hat. Aber wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.“ Danny blickte zu Boden und streckte die blasse Unterlippe hervor. Wie in einer Art unförmigem Tanz, bei dem ich führte, schob ich den Jungen zum Ausgang. Er leistete keinen Widerstand, tanzte auf seine Art mit kleinen Schritten mit, drehte den Hals aber auf unnatürliche Weise, um die Gegend, in der er den hinkenden Lebkuchenmann vermutete, keine Sekunde aus den Augen zu lassen.

    Im Auto schwieg Danny und es sollte mir recht sein. Ich war ermüdet von der langen Fahrt, den Hochschaubahnen und dem grässlichen Vorfall im Zirkuszelt. All diese schreienden Menschen. Das erschrockene Zuckerkringelgesicht des Lebkuchenmannes ging mir nicht mehr aus dem Kopf und Danny schien es genauso zu gehen. Ich konnte es nicht erwarten, in Ellsworth anzukommen, wo Billy bereits auf mich warten würde.

    Nachts hatte ich unruhige Träume und gegen drei Uhr schrillte das Telefon. „Henry, Henry, komm bitte zu uns.“ Es war Charlotte. Bei meiner Schwester angekommen, ging ich mit dem Hund die etwas morschen und vom Regen ergrauten Treppen ihrer Veranda hoch und läutete an. Niemand öffnete mir. Ich klopfte, woraufhin Billy wie wild bellte, doch weiterhin kam niemand. „Charly!“ Mit einem unguten Gefühl ging ich zur Hintertür, griff zum Ersatzschlüssel unter dem dürren Rosenstock und öffnete sie. Billy winselte, als wir das Haus betraten. Überall roch es nach Lebkuchen, Honig und Weihnachtsbäckerei. Charlotte saß mit weit aufgerissenen Augen auf ihrem Bett. „Sieh selbst“, sagte sie und deutete zur Küche. Langsam trat ich ein. Vor mir stand Danny in seinem Nachtgewand, verschwitzt und schmutzig. Auf jeder freien Ablage, auf dem Küchentisch bis hin zu allen Stühlen waren riesige Lebkuchenstücke verteilt. Sie waren kindlich mit bunter Lebensmittelfarbe und Backstreuseln verziert. Auf der Herdplatte lag ein Mädchenkopf aus Lebkuchen, der mich anlächelte. Die Füße, die sich noch auf dem kleinen Tischchen befanden, stampften leicht auf. Angsterfüllt blicke ich zum Backofen. Welcher Teil sich wohl darin befand? Da schoss plötzlich Billy ins Zimmer und biss in ein Lebkuchenbein. „Nein Billy! Nein! Böser Junge!“, rief ich, während Danny den Mund zu einem stummen Schrei aufriss. Mit dem Bein im Maul lief Billy wie ein Blitz durch die Wohnung. Erst nachdem der Hund ein großes Stück verschluckt hatte, konnte ich den Rest des Lebkuchenschenkels retten. Den zuckenden Teig in der Hand fragte ich Danny, was zum Henker hier los war. Ich wollte die Antwort nicht wirklich hören.

    Danny leckte sich einen Tropfen Honig von der Hand und flüsterte: „Ich backe mir eine Schwester.“ Entgeistert sah ich das Kind an. Da betrat Charlotte den Raum und sagte mit rotem Gesicht, mehr zu sich selbst als zu mir: „Ich habe dir nie die ganze Wahrheit über Dannys Vater gesagt, Henry.“ Dann blickte sie liebevoll ihren Sohn an. „Danny kommt zum Glück nach mir.“ Mein Neffe griff mit seinen klebrigen Fingern nach meiner Hand und sagte leise, damit der Hund es nicht hörte: „Meine Schwester ist in fünfzehn Minuten fertig. Aber Billy muss diese Weihnachten wohl zu Hause bleiben.“